Ein Universalgelehrter, ein Pfarrer und ein Gutsherr

Beschreibung

Es gibt kaum ein Fachgebiet, in dem sich der Perser Ibn Sina (979–1037; latinisiert im deutschen zumeist als Avicenna bekannt) nicht auskannte: Er war Arzt, Naturwissenschaftler, Mathematiker und Politiker, schrieb Gedichte und wirkte darüber hinaus als islamischer Jurist, Astronom, Alchemist und Musiktheoretiker.

So ist es wenig verwunderlich, dass ihm – nach heutigem Wissensstand – auch die Ehre der Erstbeschreibung von Fulgurit, auch Blitzröhre genannt, gebührt. Nach eigenen Angaben beobachtete er in der zentralasiatischen Region Turkestan, dass „nach Donner und Blitz kupferartige Körper in Lanzenform“ entstehen.

Vielseitige Interessen spielen auch in der weiteren Entdeckungsgeschichte der Fulgurite eine Rolle, denn hätte sich Leonhard David Hermann (1670–1735) nicht für Archäologie begeistert, hätte er vermutlich nie von der Existenz der Blitzröhren erfahren. Hermann arbeitete als Pfarrer in der kleinen Ortschaft Massel (Masłów) im damaligen niederschlesischen Herzogtum Oels und grub in der Region Tausende bronze- und eisenzeitliche Brandgräber und darin enthaltene Urnengefäße aus. Dabei stieß er zwischen 1706 und 1711 auch auf Fulgurite. Er missinterpretierte sie jedoch als „eine Frucht von einem unterirdischen Feuer“ und ging sogar so weit, ihnen einen möglichen medizinischen Nutzen zuzuschreiben. Nach seinem Tod gerieten seine Erkenntnisse alsbald in Vergessenheit.

Als Neuentdecker der Blitzröhren gilt heute gemeinhin der Landwirt Hentzen aus dem Fürstentum Lippe, der sie ab 1796 während seiner Wanderungen durch die Heidelandschaft Senne nahe des Ortes Oesterholz (heute ein Ortsteil der Gemeinde Schlangen) fand und 1805 erstmals beschrieb. Er schlussfolgerte auch korrekt hinsichtlich ihrer Entstehung und machte die Röhren schließlich in Wissenschaftskreisen bekannt.

Quellen

Fiedler, K.G. (1817). Ueber die Blitzröhren und ihre Entstehung. Annalen der Physik, 55(2), 121-164.

Fiedler, K.G. (1840). Reise durch alle Theile Griechenlands, im Auftrage der königl. griechischen Regierung in den Jahren 1834 bis 1837. Leipzig, Deutschland: Verlag Friedrich Fleischer.

Gilbert (1822). Noch einiges von Blitzröhren und von Wirkungen des Blitzes auf Felsenstücke. Annalen der Physik, 71(8), 337-344.

Hakelberg, D. (2010). Seltenheiten zwischen Natur und Kunst. Archäologische Funde im Naturalienkabinett des Johann Christian Kundmann (1684–1751). In F.M. Müller und F. Schaffenrath (Hrsg.), Anton Roschmann (1694–1760). Aspekte zu Leben und Wirken des Tiroler Polyhistors (S. 197-214). Innsbruck, Deutschland: Universitätsverlag Wagner.

Haschmi, M.Y. (1966). Die geologischen und mineralogischen Kenntnisse bei Ibn Sīnā. Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 116(1), 44-59.

Hellmann, G. (1883). Repertorium der Deutschen Meteorologie. Leipzig, Deutschland: Verlag Wilhelm Engelmann.

Hermann, L.D. (1711). Maslographia oder Beschreibung des schlesischen Massel im Oels-Bernstädtischen Fürstenthum mit seinen Schauwürdigkeiten. Breslau, Polen: Christian Brachvogel.

Sezgin, F. (Hrsg.) (2003). Wissenschaft und Technik im Islam, Band 4 (S. 161). Frankfurt am Main, Deutschland: Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften.

Voigt, J.K.W. (1805). Nachricht von den Blitzröhren. Magazin für den neuesten Zustand der Naturkunde, 10, 491-495.

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